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Wissenschaft und Bildung in Benin, Nigeria und Sierra Leone

Bildungspolitischer Austausch mit Afrika

Der Präsident des FBI NAbg. Dr. Axel Kassegger reiste gemeinsam mit seinem Kollegen NAbg. Christian Hafenecker (Obmann des Ausschusses für Forschung, Innovation und Digitalisierung) und seinem Assistenten GR a.D. Berno Mogel vom 2. April 2022 bis 14. April 2022 in ausgewählte Länder südlich der Sahara, namentlich Benin, Nigeria und Sierra Leone. Die Reise diente der Legung eines besonderen Schwerpunktes auf den Bereich der Bildung im primären, sekundären und tertiären Bereich, sowie der dualen Ausbildung durch Treffen mit Verantwortlichen aus den Parlamenten, den Ministerien und Universitäten sowie Projekten und Unternehmen die duale Ausbildung praktizieren mit dem Ziel Kontakte anzubahnen und Erkenntnisse zu gewinnen.

Am Montag, 4. April 2022 fand in der Hauptstadt von Benin Porto Novo ein intensives Arbeitsgespräch mit Abgeordneten des Parlaments der Republik Benin statt. In der Diskussion mit den Abgeordneten Dedevi Eugenie Chantal Ahyi, Florentin Ahohounkpin Tchaou und Etienne Tognigban ging es neben dem allgegenwärtigen Krieg in der Ukraine vor allem um die wechselseitigen Vorstellungen des österreichischen und beninischen Bildungssystems und die jeweiligen Herausforderungen. Delegationsleiter Dr. Kassegger erläuterte dabei auch die Funktionsweise, Vorteile und Herausforderungen des österreichischen Systems der dualen Ausbildung.

Am Nachmittag wurde ein sehr interessantes Projekt in der Nähe von Porto Novo besucht. Das von einem Nigerianer 1998 gegründete „Songhai Zentrum“ bietet auf rund 22 Hektar Platz für Forschungsstätten und Anbauflächen zum Thema nachhaltige Landwirtschaft und Kreislaufwirtschaft. Neben 250 fest angestellten Mitarbeitern werden hier auch rund 450 Studenten aus Benin und den umliegenden Ländern ausgebildet.

Am Dienstag, 5. April 2022 fand am Vormittag eine Konferenz mit dem Minister für Bildung Kouaro Yves Chabi und der Ministerin für Wissenschaft und Forschung Eleonore Yayi Ladekan und deren ministeriellen Kabinettsmitarbeitern in den Räumlichkeiten des Bildungsministeriums in Cotonou statt. Die beiden Minister präsentierten den grundsätzlichen Aufbau des beninischen Bildungssystems das mit seinen zwei jeweils 3-jährigen „Siecles“ nach der Primärstufe stark an das französische System angelehnt ist. Dr. Kassegger und Abg. Hafenecker präsentierten das österreichische System und stellten insbesondere die verschiedenen Instrumente der österreichischen Forschungsförderung vor. In der Konferenz wurde festgestellt, dass trotz bestehender Unterschiede zwischen den Ländern doch erhebliche Gemeinsamkeiten bei den Aufgabenstellungen und Herausforderungen bestehen. Auch im Benin sind die Fragen der mangelnden Brauchbarkeit von Hochschulabsolventen am Arbeitsmarkt, der Mangel an Fachkräften, die mangelnde Durchlässigkeit des Bildungssystems und hohe drop-out Raten wesentliche Problemstellungen.

Am Nachmittag des  Dienstag, 5. April 2022 fand unter der Leitung des Rektors der größten Universität in Benin, der Universite d’Abomey-Calavi, Prof. Felicien Avlessi eine Konferenz mit Vizerektoren und Vertretern der 4 staatlichen Universitäten des Benin am Campus der Universite d’Abomey-Calavi statt. Rektor Prof. Felicien Avlessi führt die älteste und größte Universität in Benin. Im Jahre 1970 als Universite du Dahomey (benannt nach dem ehemaligen Königreich Dahomey) gegründet führt sie seit 2001 den Namen Universite d’Abomey-Calavi und verfügt derzeit über rund 65.000 Studierende und über 1.000 Professoren und Lehrende. Vizerektorin Yvette Onibon Doubogan stellte die Universite de Parakou vor, die zweitgrößte Universität des Landes. In einer angeregten Diskussion wurden insbesondere die Themenbereiche Durchlässigkeit des Bildungssystems, Sicherung der Qualität im tertiären Sektor, Verstärkte Orientierung des tertiären Sektors am Bedarf des Arbeitsmarktes und der Einfluss der Corona-Pandemie auf den Lehrbetrieb besprochen. Von Dr. Kassegger wurde in diesem Zusammenhang auf das österreichische Erfolgsmodell der Fachhochschulen verwiesen, die insbesondere in der berufsbegleitenden Ausbildung gute Dienste zur Erreichen des Ziels eines lebenslangen Lernens verrichten.

Auf der nächsten Station der Reise, der Bundesrepublik Nigeria fand am Donnerstag, 7. April 2022 am Vormittag ein Treffen mit dem Deputy Vice Chancellor der University of Abuja Prof. C.B.I. Alawa und weiteren Repräsentanten der Universität auf dem neuen rund 10 Hektar etwas außerhalb von Abuja gelegenen großen Campus der Universität statt. Die 1988 gegründete University of Abuja, eine staatliche Universität mit rund 60.000 Studierenden, nimmt für sich selbst in Anspruch den riesigen Staat Nigeria abzubilden indem Studierende aus allen 74 Regionen des Landes hier inskribiert sind. Es bestehen zahlreiche Kooperationen mit amerikanischen, chinesischen, japanischen und britischen Universitäten. Die Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Universitäten ist leider noch wenig ausgeprägt wie die Direktorin für Internationale Zusammenarbeit Prof. Dr. Aisha Sani Maikudi berichtete. Die University of Abuja ist eine Partneruniversität des österreichischen Programms Afrika-UniNet, eine Teilnahme an einem der calls hat jedoch bis dato nicht stattgefunden. Großes Interesse besteht vor allem an Kooperationen mit Agrarökonomischen Universitäten und Veterinärmedizinischen Universitäten.

Am selben Tag fand am Nachmittag im Parlament Nigerias in Abuja ein Treffen mit dem Speaker of the House of Representatives Hon. Femi Gbajabiamila und dem Vorsitzenden des außenpolitischen Ausschusses Dr. Yusuf Buba Yakub statt. Nigerias Verfassung orientiert sich stark an der US-Amerikanischen Verfassung, sieht also eine Präsidialdemokratie mit einem aus Senat und Repräsentantenhaus bestehenden Zwei-Kammern System vor. Im Gespräch mit dem Präsidenten des Repräsentantenhauses Femi Gbajabiamila wurden vor allem sicherheitspolitische und wirtschaftspolitische Fragen erörtert. Dabei war der Ukraine Krieg und seine Auswirkungen auf Nigeria, das mit Abstand bevölkerungsreichste und wirtschaftsstärkste Land Westafrikas (ECOWAS), von besonderem Interesse.

Am Freitag, 8. April 2022 wurden von der Delegation in Lagos, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes insgesamt drei Unternehmen mit Österreichbezug besucht. Die Supreme Lace Ltd. des österreichischen Unternehmers Rudi Bösch ist das letzte verbleibende Unternehmen einer vormals sehr starken nigerianischen Textilindustrie. Der Eigentümer konnte vor allem Einblicke in die großen Herausforderungen des Standortes (Lieferkettenprobleme, Stromversorgung, Infrastruktur, Finanzierungen, Konkurrenz aus China) geben. Die Primlaks Industries Ltd., ein indisch geführtes Unternehmen das Stahlgitter und Stahlbleche herstellt greift dabei unter anderem auf eine hochmoderne Maschine zur Herstellung von Stahlgittern des österreichischen Unternehmens M+S Maschinen und Stahl Holding GmbH aus Raaba-Grambach in der Steiermark zurück. Die BAGCO-LAGOS Ltd. ist mit 1.200 Dienstnehmern der Marktführer in der Herstellung von verwebten Plastiksäcken die vornehmlich in der Baustoffindustrie eingesetzt werden. Über 250 Maschinen des Werks in Lagos stammen von der niederösterreichischen Starlinger & Co. GmbH aus Weißenbach an der Triesting. Das Unternehmen verfügt auch über ein eigenes Programm der dualen Ausbildung welches der Delegation vom Produktionschef Kevin Wernberg vorgestellt wurde.

Auf der letzten Station dieser Reise in Sierra Leone fand am Nachmittag des Montag, 11. April 2022 ein ausführliches Arbeitsgespräch mit dem Vorsitzenden des Ausschusses für Bildung Bilor Shaw und weiteren Mitgliedern des Ausschusses statt. Einen großen Wandel im gesamten Bildungssystem Sierra Leones leitete das vom 2018 aus der Opposition gewählten Staatspräsidenten Julius Maada Bio ausgerufene „Free Quality Education“ Programm ein. Die Bildung in allen Stufen (primär, sekundär, tertiär) sollte ab sofort kostenfrei angeboten werden, vorher war sie kostenpflichtig. Die neue Strategie bewirkte eine Verdreifachung der sich zum Unterricht in der Primärstufe und Sekundarstufe  anmeldenden Kinder, eine grundsätzlich sehr positive Entwicklung die jedoch das verantwortliche Bildungsministerium vor schier unlösbare Aufgaben stellte. Es fehlt an Ressourcen sowohl infrastrukturell als auch vor allem hinsichtlich der Lehrkräfte. Bilor Shaw berichtete, dass obwohl 22 % des Gesamtbudgets Sierra Leones für Bildung ausgegeben werden dies bei weitem nicht ausreicht und man stark auf internationale Unterstützung angewiesen ist. Insbesondere für die ländlichen Gebiete ist es sehr schwierig geeignete Lehrer zu finden, entsprechende Bemühungen zur Intensivierung der Lehrerausbildung und Attraktivierung ländlicher Gebiete werden angestrengt. Positiv für die Gesamtentwicklung sind die sogenannten „school feeding programs“, die zumindest eine tägliche Mahlzeit für Kinder in ländlichen Gebieten sicherstellen. Zudem stand an diesem Tag auch der Besuch des Safer Future Youth Development Programme in Freetown auf dem Programm. Der Direktor des Programms Idriss Sahid Kamara stellte das bereits 1993 ins Leben gerufene Projekt vor. Es umfasst vor allem eine Lehrlingsausbildung in den Bereichen Gastronomie, Schneiderei, Tischlerei, Frisör und Bauwesen sowie eine Schulausbildung auf Ebene der Junior Secondary School. Bisher konnten dort über 1.000 Jugendliche eine Lehrlingsausbildung machen und besuchen derzeit über 500 Schüler die Schule, die aufgrund der infrastrukturellen Defizite im 2-Schichtbetrieb geführt werden muss.

Am Nachmittag des Dienstag, 12. April 2022 fand zunächst ein Treffen mit dem Wissenschaftsminister der Republik Sierra Leone Prof. Dr. Alpha Tejan Wurie statt. Die Ministerien für Bildung und Wissenschaft wurden in Sierra Leone, im Gegensatz zur gegenläufigen Entwicklung in Österreich, im Jahre 2018 wieder getrennt, sodass derzeit 2 Ministerien bestehen. Prof. Wurie stellte das tertiäre Bildungssystem seines Landes vor. Es gibt in Sierra Leone insgesamt 6 staatliche Universitäten und eine Vielzahl privater Bildungseinrichtungen die aber sämtlich nicht den Status einer anerkannten Universität haben. Als größte Herausforderungen für Sierra Leone sieht der Wissenschaftsminister neben dem chronischen Mangel an Ressourcen die Weiterentwicklung des agroökonomischen Bereichs, die Implementierung einer stärker kompetenzbasierten technischen Ausbildung auf Hochschulniveau, die Schaffung der Voraussetzungen für eine funktionierende Digitalisierung durch Ausbau der Netze und Versorgung der Studierenden mit Hardware und die Förderung der Ausbildung von Lehrkräften durch Pädagogische Akademien.Dr. Kassegger und Abg. Hafenecker stellten sodann das österreichische Hochschulsystem mit besonderen Verweisen auf die Fachhochschulen und die österreichische Forschungsförderung vor, auf das österreichische Programm Afrika-UniNet wurde ebenso hingewiesen.

Als weiterer Termin des Nachmittags fand ein Treffen mit dem Vice-Chancellor der University of Sierra Leone und Chef des Institute of Public Administration and Management (IPAM) Prof. Foday Sahr statt. Die University of Sierra Leone (USL) gilt als die älteste Universität Schwarzafrikas, hat ihren Ursprung in dem 1827 gegründeten Fourah Bay College und blickt auf eine stolze Geschichte zurück. Vor allem die Fakultäten für Theologie und Bildung trugen in der Vergangenheit zum Ruf Freetowns als „Athen Westafrikas“ bei.

 

 

 

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